Wie alles anfing …
Eine kurze Siedlungsgeschichte der „Neuen Stadt Wulfen“
Mitte der 1950er-Jahre boomte die Wirtschaft, Kohle war knapp. Durch Kriegsschäden und den Zustrom von "Gastarbeitern" aus dem Osten fehlte Wohnraum mit der Folge, dass es im Ruhrgebiet damals mehr Arbeitsplätze gab als Wohnungen.
1958 begannen in Wulfen die Abteufarbeiten für eine Doppelschachtanlage mit geplanten 8.000 Beschäftigten. Für die Arbeiter und ihre Familien sollte das Dorf Wulfen nicht einfach um eine Zechenkolonie erweitert werden, sondern es sollte eine Mustersiedlung modernen Städtebaus entstehen.
Zur Siedlungshistorie finden Sie ergänzend im Medienarchiv unterhaltsame und informative Filmdokumente.
Chronologie:
1958
Der Wohnraumbedarf für die Belegschaft der geplanten neuen Zechenanlage der Mathias Stinnes AG in Alt-Wulfen muss befriedigt werden. Eine Studie der Sozialforschungsstelle Dortmund empfiehlt den Aufbau einer selbständigen Stadteinheit von 50.000 bis 60.000 Einwohnern. Der Aufbau der "Neuen Stadt Wulfen" nordöstlich der alten Ortslage des Dorfes Wulfen wird als Gegenentwurf zu den in Europa misslungenen Städten am Reißbrett gesehen. Neben der Aufgabe, eine Vielfalt u.a. von Wohnungen und Haustypen zu schaffen, stellt sich vor allem die Frage, ob es gelingen würde, die "Neue Stadt" im Bewusstsein der Bürger zu verankern und zu „ihrer“ Stadt zu machen. Erreicht werden soll dies durch menschenfreundlichere Wohn- und Lebensbedingungen als in anderen Reißbrett-Städten. Nachbarschaft und Vielfältigkeit gelten als besondere Charakteristika der Bebauung: Wechsel von Materialien, Formelementen, Geschosszahlen, größere Grünflächen, geschlossenes Wegenetz etc. Fast 80 % der Häuser sind in zwei- bis dreigeschossiger Bauweise errichtet. Günstige Gründungvorgaben sind die Lage der "Neuen Stadt" im Freiraum, aber dennoch nahe der Stadt Dorsten, ein niedriges Bodenpreisniveau, Zuschüsse aus Bundes- und Landesmitteln, darüber hinaus die Gründung einer Entwicklungsgesellschaft für die "Neue Stadt".
1960
Gründung der „Entwicklungsgesellschaft Wulfen mbH“ (EW) durch vier Gesellschafter:
1964
kommen die Gemeinden Wulfen und Lembeck sowie die Westdeutsche Landesbank Girozentrale hinzu. Aufgaben der EW sind die Planung, Bodenordnung und die Erschließung nach modernen städtebaulichen Gesichtspunkten. Die Planungshoheit liegt bei Dorsten-Wulfen, ein Zusammenarbeitsvertrag koordiniert jedoch die Stadtentwicklung. Als Besonderheit gilt, dass die EW über den Grund und Boden verfügt, den sie in über 250 Vertragsabschlüssen erworben hat. Bauherren können so verpflichtet werden, städtebauliche und gestalterische Bindungen zu übernehmen, die für die Gesamtplanung notwendig sind.
1961
Prof. Fritz Eggeling (Berlin) geht als Sieger eines internationalen Städtebauwettbewerbs für die Entwicklung der Neuen Stadt Wulfen hervor und wird von der EW mit der weiteren städtebaulichen Planung beauftragt.
1963
Auf der Grundlage des Gesamtaufbauplanes für die Neue Stadt Wulfen erfolgen erste Tiefbauarbeiten. Wettbewerbe für Wohnungsbau und öffentliche Einrichtungen sowie Hochbaumaßnahmen werden ausgeschrieben.
1965
Erschließung des Baugeländes
1966
Nach dem Tod von Prof. Eggeling übernimmt die Planungsgruppe „Grosche - Börner - Stumpfl“ die Arbeit am städtebaulichen Konzept. Gleichzeitig zeichnet sich Mitte der 60er-Jahre ab, dass weder der Bergbau genügend Arbeitsplätze zur Verfügung stellt noch andere Unternehmen ihren Standort in Wulfen wählen. Obwohl damit absehbar ist, dass das Konzept der „Neuen Stadt Wulfen“ überdimensioniert ist, wird an den Planungen festgehalten.
1967
Der Flächennutzungsplan der Stadt Dorsten wird wirksam. Die ersten Wohnungen sowie eine Grundschule werden belegt.
1973
Errichtung der "Meta-Stadt" als Prototyp eines industriell gefertigten Montagebausystems des Münchner Architekten Richard Dietrich mit rund 100 Wohnungen
1975
Wulfen hat 14.000 Einwohner, wovon 7.200 in Barkenberg leben, und wird nach einer kommunalen Neuordnung Stadtteil von Dorsten. Da anstelle der beabsichtigten Doppel- nur eine einfache Schachtanlage errichtet wurde, wird das Einwohnerziel für die "Neue Stadt" auf 20.000 zurückgenommen. Statt der geplanten 8.000 hat die Schachtanlage nie mehr als 450 Beschäftigte. Bis 1983 entstehen im geplanten Zentrum von Barkenberg am Wulfener Markt eine Gesamtschule, Bibliothek, ein Gemeinschaftshaus mit Freizeitbad, ein Ärztehaus und eine Ladenpassage. Durch die nicht in geplantem Umfang stattgefundene Stadtteilentwicklung liegt dieses "Zentrum" bis heute am Rand des Siedlungsbereiches.
1987
Zum 01.01.1987 übernimmt die LEG NRW GmbH für 1 D-Mark die Wohnungsbestände der Neuen Heimat NRW, darunter auch 511 Wohnungen in Wulfen-Barkenberg. Ersten dramatischen Leerständen wird vorübergehend mit einer Subventionierung des Mietpreises begegnet. Die „Meta-Stadt“ wird aufgrund konstruktionsbedingter Undichtigkeiten abgerissen.
1993
Nach 1990 endet die Bautätigkeit und in dem einstigen Neubaugebiet mit sehr junger Bevölkerung normalisiert sich die Altersstruktur. Wegen fehlender wohnortnaher Arbeitsplätze haben die Wohnungsgesellschaften vor Ort zunehmend Schwierigkeiten, ihre Wohnungen zu vermieten. Durch Belegung vieler Mietwohnungen mit Migranten und Problemfamilien werden die sozialen Probleme immer ausgeprägter. Stadt Dorsten und Vermieter reagieren mit einem konzentrierten Maßnahmenbündel der Sozialplanung (Bürgertreff, Wulfen-Konferenz, Streetwork-Projekt etc.).
1994
Zum 01.01.1994 kauft die LEG rund 860 Wohnungen von der THS Treuhandstelle für Bergmannswohnungen. Die Transaktion ist Teil eines Gesamtverkaufs von rund 1.800 THS-Wohnungen an die LEG.
2000
Ende des Förderbetriebs der Schachtanlage Wulfen 1/2
2004
Nach der Auflage des Bund-Länder-Programms "Stadtumbau West" signalisieren Stadt und LEG mit einem Grundförderantrag ihre Absicht, den Stadtumbau in Wulfen-Barkenberg zu realisieren. Im Zuge des Stadtumbaus sollen von den knapp 1.400 Wohnungen der LEG in Barkenberg 244 Wohnungen an der Dimker Allee 35 - 79 entmietet und die Gebäude dann abgerissen werden. 50 % der Mehrgeschosswohnungsbauten an der Dimker Allee stehen bereits leer. Als sozio-demografische Tendenzen sind erkennbar:
2006
Die Altmaßnahme "Entwicklungsgesellschaft Wulfen" wird abgeschlossen. Dies ist zwingende Voraussetzung zum Start der Stadtumbaumaßnahme, welche mit dem Aufbau eines Stadtteilbüros und der Entmietung der wenigen noch belegten Wohnungen im Abrissbereich praktische Züge annimmt.
2007
Abbruch der Wohngebäude Dimker Allee 35 – 79, der Barkenbergschule ("Blaue Schule") und des Kindergartens Himmelsberg. Zum Jahresende sind alle Abbruchflächen aufgefüllt und eingeebnet.
2008
Abbruch der Fußgängerbrücke zwischen Handwerkshof und Nahversorgungszentrum Dimker Allee/Himmelsberg sowie der Turnhalle der 2007 abgebrochenen Barkenbergschule und des Hausmeisterhauses. Im Mai Beginn des Rückbaus der Wohn-und Geschäftshäuser Dimker Allee 31 – 33. Im August Verkauf der knapp 93.000 LEG-Wohnungen (davon 1.400 in Barkenberg) an den Immobilienfonds "Whitehall Real Estate Funds" der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs.
2009
Konzeptionelle Überlegungen zur Neubebauung der Abbruchflächen, dabei planerische und wirtschaftliche Konkretisierung eines Wohnprojektes für Generationen übergreifendes Wohnen auf dem Grundstück der 2007 abgebrochenen Barkenbergschule. Im Oktober Beginn des Rückbaus der Wohngebäude Himmelsberg 2-4. Maßnahmen zur Wohnumfeldverbesserung (zentrale Nord-Süd-Hauptwegeachse).
2010
Nach erfolgtem Rückbau der Wohn- und Geschäftsgebäude Dimker Allee 31-33 sowie der Wohngebäude Himmelsberg 2-4 Abschluss der Gebäude-Wiederherrichtung. Beginn des Rückbaus der Wohngebäude Barkenberger Allee 80-82. Im Zuge dieses Rückbaus tritt durch eine mangelhaft ausgeführte Dachabdichtung ein erheblicher Vernässungsschaden mit Schimmelbefall des gesamten Gebäudeinneren ein. Alle Beteiligten schalten Rechtsvertreter ein. Weiterführung der Wohnumfeldverbesserungsmaßnahmen (weitere zentrale Wegeachsen, Stadtplatz Surick).2011
Bauliche Aufwertung des Nahversorgungsstandort Dimker Allee / Himmelsberg (Ladenzeile, Handwerkshof) in Verbindung mit der Umgestaltung des Straßenkreuzungsbereichs. Die Unterführung an der Dimker Allee zum Robinsonwald wird behindertengerecht gestaltet. Genehmigung letzter den öffentlich geförderten Stadtumbau abrundender Wohnumfeld-verbesserungensmaßnahmen sowie des Umbaus des Wittenberger Damms. Abschluss einer "Siedlungsvereinbarung Barkenberg" zwischen Stadt, LEG und DWG (Dorstener Wohnungs-gesellschaft) zur weiteren Stadtteilentwicklung, insbesondere nach Beendigung des öffentlich geförderten Stadtumbaus. Die LEG investiert 2011/2012 1,4 Millionen Euro in Instandhaltungsmaßnahmen der ursprünglich zum Abbruch vorgesehenen Wohngebäude Himmelsberg 19 - 31 mit dem Ziel der Neuvermietung. Investitionen in weitere Gebäude, u.a. im Surick, sind erfolgt. Baubeginn des Mehrgenerationen-Wohnprojektes "Blaue Schule".2012
Im Vordergrund stehen die Umgestaltung des Wittenberger Damms sowie abschließende Maßnahmen der Wohnumfeldverbesserung. Kernsanierung des "Schadensgebäudes" Barkenberger Allee 80-82.zurück

























